18. Mai 2012

Bericht im Mai über die vergangenen vier Monate

Einen Bericht zu schreiben ist nie leicht. Aber dieses Mal fällt es mir besonders schwer. Wie soll ich diese glitzernde, schillernde und formlose Erinnerungswolke über meinem Kopf in einen kompakten Text in zeitlich-logischer Reihenfolge packen? Ein Versuch:

Im Januar nach den Ferien kommt bei meiner Arbeit alles zunächst nur schleppend wieder in Gang. Die Schulen und Kindergärten sortieren sich nur sehr langsam, und es gibt daher im Museum so gut wie keine Besuche. Ich bin frustriert, dass ich mit den Ecochiquis nicht anfangen kann.

Dafür geht es mir in meiner freien Zeit besser als je zuvor. Gaby und Nico kommen nach ihrem zweimonatigen Aufenthalt aus Deutschland zurück, beladen mit Fotos und vielen Geschichten. Und dann gibt es da noch das große Konzert der Masis im Teatro Gran Mariscal, wo die Masis mit ihrer Kindergruppe mit Musik, Tanz und Trachten verzaubern.

Außerdem fange ich Anfang Februar an Tango zu tanzen, im ICBA. Ich verliebe mich halsüberkopf in die melancholische Musik und die Bewegungen. Das Tanzen gibt mir als Ausgleich zu der stark beanspruchenden Arbeit Halt und stärkt mein Selbstwertgefühl. Langsam wachse ich in die Tanzgruppe hinein und finde unglaublich liebenswerte Freunde, die mich für bisher unbekannte Musik, Literatur und Gespräche begeistern. Es folgen unzählige Milonganächte – mit Tango durchtanzt und von Rotwein und einem starken Gemeinschaftsgefühl gesüßt.

Eine Unterbrechung meines Alltags und wichtiger Bestandteil meines Freiwilligendienstes steht Mitte Februar auf dem Programm: die Zwischenauswertung durch meine Entsendeorganisation. Ich lerne Susanna Kersting-Kuhn kennen, die die Auswertung sehr professionell und sehr angenehm zugleich durchführt. Ich hoffe auf neue Impulse für meinen Freiwilligendienst.

Wenig später erreicht mich die Nachricht, dass es in meinem Projekt zunächst keinen Nachfolger geben wird. Obwohl ich mich im ersten Moment hilflos und unglücklich mit dieser Entscheidung der Bolivien-Brücke fühle, kann ich sie nach mehreren intensiven Gesprächen mit meiner Gastmutter nachvollziehen, denn: es kann nicht Aufgabe eines Freiwilligen sein, sein Projekt zu leiten.

Ende Februar dann ein Ausflug der Extraklasse: in Oruro erlebe ich mit Daria und Selma einen sagenhaften Karneval, der mich mit unglaublich vielen Bildern und unglaublich durchnässt zurücklässt. Oruro selbst wirkt auf mich wie ein riesiges Dorf in recht feindlicher Landschaft. Trotzdem scheint auf den Straßen vor uns die Lebensfreude in Tänzen für die Virgen de Socavon* zu explodieren. Was für ein Ausnahmezustand! *(Jungfrau Maria vom Stolleneingang)

Zurück in Sucre, folgt gleich die nächste Feier. Gemeinsam mit meinen beiden Freundinnen María und Rocío bin ich Gast einer Hochzeit. Die Hochzeit dauert zwei Tage: Am ersten Tag abends findet die Trauung statt, an die sich eine große Feier anschließt. Für jeden „Bestandteil“ der Feier gibt es eine eigene Patin oder einen eigenen Paten. Zum Beispiel Paten der Hochzeitstorte, der Musik, der Getränke, der Videokamera, des Tanzes, und, und, und. Am zweiten Tag werden die Geschenke überreicht, das Brautpaar bekommt die komplette Inneneinrichtung für ihre neue Wohnung geschenkt. Immer wieder wird das Brautpaar während der Feierlichkeiten gesegnet: mit Alkohol und Konfetti.

Nachdem der Kater des Karnevals endlich überwunden ist, lege ich bei meiner Arbeit wieder richtig los. Beinahe jeden Nachmittag eilen José Luis und ich zu nahe und fern gelegenen Schulen und laden die Lehrer ein, das Museum zu besuchen. Zunächst ist die Resonanz nicht groß, doch schon bald können wir uns vor Besuchen kaum retten. Ein Colegio schickt sogar die komplette Schülerschar.

Gleichzeitig läuft das Kindergartenprojekt immer noch nicht gut an. Ich bin frustriert, dass meine Termine mit der Direktion des Kindergartens wieder und wieder platzen.

In den folgenden Wochen konzentriere ich mich besonders auf meine Arbeit, während Tango nebenher läuft und ich auch damit anfange Gitarre zu spielen – allerdings bringen die Unterrichtsstunden in einer privaten Musikschule wenig. Ich gehe nur unregelmäßig zum Unterricht.

Je näher das Ende des Monats März rückt, desto ungeduldiger werde ich. Am 23. März hole ich meine Schwester Franzi am Flughafen in Santa Cruz ab. Die vergangenen Monate scheinen wie ausgelöscht, ich bin einfach nur glücklich.

In den folgenden drei Wochen reisen wir nach Sucre, Oruro, La Paz, zum Titicacasee und Tiwanaku, wir wandern nach Coroico und schließlich verabschieden wir uns am 14. April in Santa Cruz am Flughafen. Die drei Wochen der Reise haben mir Vieles gezeigt: wie vielfältig und unentdeckt Bolivien immer noch für mich ist, wie anstrengend es sein kann, ruhelos umherzuziehen und nirgendwo richtig Wurzeln schlagen zu können, wie wunderschön und wichtig es ist, Zeit mit meiner Schwester zu verbringen, wie schwer die Last der Verantwortung für zwei sein kann. All das vermischt sich mit so vielen Einzelerinnerungsfetzen zu einer unvergesslichen Reise.

Als ich wieder zurück nach Sucre komme, bin ich leicht neben der Spur. Die Rückkehr nach Deutschland scheint durch den Besuch meiner Schwester in mein absolutes Bewusstsein gerückt zu sein, gleichzeitig klammere ich mich an jedes neue Erlebnis in Bolivien. Eines davon ist eine kleine „Willkommen-zurück-Überraschungsparty“, die die Freiwilligen für mich veranstalten. Mit selbst gebackenem Kuchen und selbstgemachter Limonade. In diesem Moment denke ich: Das ist mein Platz, nirgendwo würde ich lieber sein.

Doch es erwartet mich auch eine Enttäuschung: im Museum ist in meiner Abwesenheit nicht viel passiert. Verabredungen wurden nicht eingehalten, die Freiwilligen waren wenig motiviert. Damit habe ich bis jetzt zu kämpfen. Noch immer kommen die Freiwilligen sehr unregelmäßig, die Aktivitäten des Museums kommen beinahe nicht zustande. Das lähmt und ängstigt mich zugleich, wogegen ich kaum angehen kann. Gleichzeitig ist mir bewusst, dass ich nur noch drei Monate hier habe und diese genießen will. Auch wenn einiges nicht optimal läuft, bin ich doch glücklich. Trotz allem fesselt mich meine Arbeit sehr, ich lerne so viele wunderbare Menschen (besser) kennen, ich habe die Freiheit Dingen nachzugehen, die mich sehr erfüllen (das Gitarrespielen klappt jetzt in einer staatlichen Schule eindeutig besser).

Ich fühle mich geborgen und aus dieser unumstößlichen Wahrheit heraus möchte ich nun die Gelegenheit ergreifen, euch lieben Interessierten und Unterstützern, meinen Dank auszusprechen.

Danke, dass ihr mir das hier ermöglicht mit eurer Ermunterung, eurer Begleitung und Förderung. Ich sende euch die besten Wünsche und Grüße aus Sucre, wo der Wind mittlerweile kalt durch die Straßen fegt und die Sonne einen trotzdem verbrennt. Es wird Winter.

18. April 2012

Los Masis - Musikalische Projektreise 2012

Nur ein kurzer Blogeintrag für alle Bolivienbegeisterten und diejenigen, die es nach einem Masiskonzert bestimmt sein werden:

Hier kannst du dich informieren, wann die Masis in deiner Gegend sind und dich mit ihrer Musik verzaubern werden.


Viel Spaß beim Konzertbesuch oder in der Messe!

23. Februar 2012

Carnaval de Oruro - Karneval in Oruro

Diablada
(Engel, Teufel und Bären)

Wer hätte das gedacht: dass ich dem Fest Karneval doch noch etwas abgewinnen könnte. In der Eifel habe ich mich regelrecht dagegen gesträubt dieses Volksfest zu feiern: eindeutig zu viel Bier, zu viel Gelalle und komische Kostüme.

Klar hab ich mich als Kind über die Süßigkeiten vom Rosenmontagszug gefreut, aber das hieß ja auch nur, dass es dann die darauf folgenden 40 Tage nichts Süßes mehr geben würde.

Caporales in Aktion

Doch hier in Bolivien habe ich das Fest zum ersten Mal richtig schätzen gelernt, auch wenn die Karnevalszeit erstmal gar nicht angenehm begann. Schon im Januar fingen die Jugendlichen an, sich gegenseitig zu bespritzen und mit Wasserbomben zu bewerfen. Wenig witzig!

Zum Karneval selber sind dann aber Daria und ich aus Sucre geflüchtet und haben uns mit Selma und Tes in Oruro getroffen, um dort das absolute Highlight zu erleben.

Noch am Freitag besichtigten wir das orurenische Anthropolgiemuseum, die Kirche und eine ehemalige Mine. Und ab Samstagmorgen ging es dann richtig los: bei strahlendem Sonnenschein und auf unseren Plätzen zusammengekauert (in der ständigen Angst mit Schaum eingesprüht zu werden, der in Oruro beliebter schien als Wasserbomben) genossen wir den wunderbaren Festumzug.

Caporales
Da waren Morenadas, Caporales, Tinkus, Llameradas, Diabladas, Tobas, Sayas und Waca Wacas. Eine solche Vielzahl an Farben, Rhythmen und Bewegungen, die ich noch nie gesehen hatte, hat mich sehr fasziniert.

Die hochgeladenen Fotos von den Tänzen fangen das Erlebte nur ansatzweise ein.

Tobas

Tinku
Wer sich im Internet zu den Tänzen weiter informieren will, wird bei Google fündig. Auch diese Wikipediaseite hilft ein bisschen weiter: Bolivianische Tänze.

26. Januar 2012

Unbedingt sehenswert: „También la lluvia“ / „Und dann der Regen“

Beim „Kolping-Kino“, also bei unserem Filmeabend auf dem Zwischenseminar in Santa Cruz, haben wir den Film „También la lluvia“ gesehen und anschließend eine kurze Filmdiskussion geführt.

Der Film spielt in Cochabamba im Jahr 2000, als dort der sogenannte „Wasserkrieg“ ausgebrochen ist, und thematisiert gleichzeitig die Kolonialisierung durch Columbus. Außerdem entfaltet er auf faszinierende Art und Weise die Problematik der Postkolonialisierung sogenannter Entwicklungsländer. Zwar wirkt die Handlung an manchen Stellen stark dramatisiert, es ist jedoch spannend zu sehen, wie sich die verschiedenen Handelsebenen übereinander legen und ein komplexes Gesamtbild erzeugen, das zum Nachdenken anregt.

In Deutschland ist der Film offensichtlich am 29. Dezember in die Kinos gekommen. Die offizielle deutsche Internetseite findet ihr unter http://www.und-dann-der-regen.de/.

Und eine ganz knappe Kritik, die aber einen guten Eindruck vermittelt, hier: http://www.kino.de/kinofilm/und-dann-der-regen/123264.


Viel Spaß damit!

19. Januar 2012

5 Monate Bolivien - mein dritter Bericht

Auf dem Zwischenseminar trifft es mich wie ein Schlag, als eine unserer Begleiterinnen sagt „Jetzt ist Halbzeit“. Nein, das kann doch noch nicht sein! Ich möchte noch so viel sehen, hören, schmecken, kennenlernen, vertiefen. Mein Kindergartenprojekt weiterführen. Mit meinen Freiwilligen arbeiten. Das Museum verschönern. Einfach hier sein. Wie soll das in sechs Monate passen? Zum Glück kommt bald die rettende Erkenntnis: für uns Bolivien-Brücke-Freiwillige sind es noch siebeneinhalb Monate. Das ist natürlich was anderes.

Workshop Monteagudo

Aber fangen wir von vorne an. Die Zeit, die seit meinem letzten Bericht vergangen ist, beginnt in einer schaukelnden Flota (Bus) auf dem Weg in das wunderschön grüne und beschauliche Städtchen Monteagudo, benannt nach dem großen Monteagudo selbst. In der Flota befinden sich unter anderem Raúl Navarro, José Luis Macias und ich. In Monteagudo geben wir einen Workshop zum Thema „Der richtige Umgang mit Müll“. Von den angekündigten zwanzig Teilnehmern ist nur die Hälfte anwesend, macht aber nichts, wir arbeiten mit denen, die interessiert sind. Der Workshop kommt gut an, und wir haben noch ein bisschen Zeit, uns in der Stadt herumzutreiben. Es tut gut, noch mal aus Sucre rauszukommen, merke ich – das frühlinghafte Grün überall und die warme Sonne streicheln meine Seele.

Zurück in Sucre gibt es erstmal ordentlich Gewitter. Ständig. Unglaubliche Mengen Tränen weint der Himmel. Fluten. Danach der Geruch nach wachsenden Pflanzen und Erde. Auch in Sucre ist Frühling und der Sommer naht.

Und mit dem Sommer naht auch die Weihnachtszeit. Das hat einen traurigen Nebeneffekt: Gaby und Nico fliegen für zwei Monate nach Deutschland, um dort Zeit mit Gabys Familie zu verbringen. Nico möchte Schnee sehen. Der Abschied am Flughafen Sucres fällt uns allen schwer und zurück bleiben Jorge, der Kater Tomi und ich.


Viel Zeit zuhause bin ich jedoch zunächst nicht. Die R.O.A.CH. veranstaltet ihr erstes Encuentro ein Wochenende lang in Cajamarca, einem Dorf ungefähr eine Stunde Busfahrt von Sucre entfernt. Ich habe als Sekretärin der Roach viel Schreibarbeit, was mir aber nichts ausmacht. Zusammen spazieren wir zum nahegelegenen Fluss und wieder merke ich, wie viel es mich auch kostet in einer Stadt zu leben. Zuhause in Deutschland war der Nationalpark ganz selbstverständlich da, die Natur als Ausgleich immer zur Verfügung. Hier brauche ich nun diese Oasen, das Verlassen der Stadt.

ADVENT in Sucre. Für meine Freiwilligen bastle ich einen Adventskalender mit kleinen Schokoladen, Tee, Adventsschmuck, Kerzen und Bildern. Das ist für die Freiwilligen etwas ganz Neues, sie finden die Idee aber toll. Gleichzeitig fängt das Freiwilligenteam FASE I an, Produkte für den Weihnachtsmarkt des ICBAs zu erarbeiten. Gemeinsam basteln wir an Karten, Weihnachtskugeln und Sternen, dazu kommen Gläser und CD-Schmuck; alles natürlich recycelt.

Doch bevor dann der Weihnachtsmarkt ansteht verbringt das Freiwilligenteam noch einen wunderbaren Sonntag in Yotala im Schwimmbad und auf dem Fussballplatz. Es ist wahnsinnig befreiend Spaß miteinander zu haben und – mal wieder – aus der Stadt rauszukommen.

Zusammen Spaß haben und Zeit miteinander verbringen in Yotala

Am 15. Dezember dann sehr kurzfristig noch ein sehr schönes Erlebnis: eine kleine Diablada-Weihnachtsfeier. In kleiner Runde schauen wir uns ein paar Videos unserer Entrada an, essen zusammen und danach spielen die Masis und es wird viel getanzt. Ich bin glücklich wie lange nicht mehr.

Von rechts nach links: Moni, Rocio, Randall, José Luis und ich auf dem Weihnachtsmarkt des ICBA

Zu arbeiten gilt es dann zunächst auf dem Weihnachtsmarkt, der eine schöne Gelegenheit bietet, uns als Museum zu präsentieren und Werbung zu machen. Den ganzen Tag alleine am Stand zu sitzen kann jedoch manchmal auch ganz schön langweilig werden und so bin ich dankbar und froh, dass Rocio mir oft Gesellschaft leistet. Unsere Freundschaft entwickelt sich schon bald zu einem wichtigen Anker für mich: sie versucht mir ein bisschen Quechua beizubringen, während ich ihr mit ihrem Deutsch weiterhelfe; wir haben viel Spaß zusammen und nach der Arbeit gehen wir gemeinsam über die strahlend leuchtende Plaza zu unseren Micros.

WEIHNACHTEN in Sucre. Weihnachten beginnt für mich schon einen Tag vorher, am 23. Dezember um genau zu sein. Als es nämlich am 23. Abend wird, steht die Clausura des Weihnachtsmarktes an. Und für diesen festlichen Abschluss kommen die Masis mit den Kindern und machen im Hof Musik und tanzen. Da spüre ich zum allerersten Mal Weihnachten, auch im Sommer. Daria und ich schmettern zusammen ein deutschsprachiges getragenes Weihnachtslied, das in spannungsvollem Kontrast zur heiteren und rhythmischen bolivianischen Weihnachtsmusik steht. Und danach wird noch ein bisschen durch die Straßen getanzt und gespielt.

Die Masis mit den Kindern des Centro Cultural Masis im ICBA

Am nächsten Morgen dann mache ich mich morgens auf den Weg zum größten Theater der Stadt, denn dort werden im Eingangsbereich die Masis nochmal spielen und tanzen. Die Straßen sind überfüllt von Familien vom Land, deren Kinder von einigen großen Firmen mit Spielzeug beschenkt werden. Überall ist Müll, Kinder urinieren in den Straßen und es ist wahnsinnig heiß. Viele der Familien müssen stundenlang anstehen, denn die Schlange geht weit über eine Cuadra (Häuserblock) hinaus.

Später dann mache ich mit klopfendem Herzen nach einem Monat Wartezeit endlich das Weihnachtspaket von meiner Familie aus Deutschland auf und freue mich wahnsinnig über die Teelichter, die wir genauso auch zuhause in Deutschland aufstellen. Beim anschließenden langen Weihnachtstelefonat freue ich mich die Stimmen meiner Familie zu hören und vermisse sie alle das erste Mal schmerzlich.

Doch Zeit um Trübsal zu blasen bleibt mir keine, denn abends geht es zum weihnachtlichen Festschmaus bei Jorges Schwester Wilma. Die knallbunten fiependen Lichterketten begeistern mich wenig, dafür aber die Krippe und die Ehrfurcht, mit der für das Jesuskind getanzt wird. Im Grunde ähnelt die Krippe natürlich der Krippe, die ich aus Deutschland kenne, allerdings mit dem Unterschied, dass noch viel mehr Tiere aufgestellt werden, auch Playmobil- und Ü-Eier-Tiere. Außerdem gibt es in der Krippe nicht nur ein Jesuskind, sondern mehrere, die auch zum Teil mit Spielzeug und Windeln versorgt sind, eben wie richtige Babies. Für diese Jesuskinder wird getanzt. In Jorges Familie wird immer zu zweit zunächst auf die Krippe zu und von ihr wieder weg getanzt und danach tanzt jeder der beiden Partner noch mal alleine. Getanzt habe ich natürlich auch. Um halb eins machen wir uns dann auf den Nachhauseweg.

Mir wird schlagartig klar, dass das vielleicht mein einziges Weihnachtsfest in Bolivien sein wird, und so überrede ich Jorge dazu, noch mit mir in die Messe zu gehen. Die Kirche ist wahnsinnig voll und ich sehe das ein oder andere bekannte Gesicht; man wünscht sich ein frohes Fest. Viele der Gottesdienstbesucher haben ein Jesuskind mitgebracht um es segnen zu lassen. Es ist endgültig Weihnachten.

SILVESTER in Sucre. Am 31. Dezember rufe ich panisch Daria an und erkläre ihr, dass ich keine Ahnung habe, wie ich Silvester feiern soll. Alle meine Freiwilligen sind zuhause und damit nicht in der Stadt; Jorge wird zu seinen Eltern fahren. Daria allerdings beruhigt mich und gemeinsam kommt uns die rettende Idee: wir feiern Silvester bei mir zuhause mit Raclette und selbst gemachtem Glühwein und natürlich Dinner For One. Danach gehen wir auf die Plaza, wo eine Banda spielt, es Feuerwerk gibt und es daher wahnsinnig voll ist. Der Tradition gemäß essen wir jeder 12 Weintrauben. Später wird noch weitergefeiert in einer Bar. Wir feiern in das Jahr 2012. Zum ersten Mal in meinem Leben feiere ich Silvester nicht in Deutschland, sondern ganz weit weg. Ein bisschen zuhause fühle ich mich trotzdem.

ZWISCHENSEMINAR in Santa Cruz. Am zweiten Januar 2012 sitze ich – mal wieder mit Übelkeit kämpfend – in einer Flota, diesmal mit dem Reiseziel Kolpinghaus, Santa Cruz, Tiefland. In dieser riesigen Boomstadt Boliviens angekommen müssen wir uns erst mal orientieren und sind erleichtert, als wir endlich ankommen. Im Kolpinghaus dann die große Überraschung: zwei unserer drei Begleiter vom fid-Vorbereitungsseminar in Köln werden uns auch hier in Santa Cruz begleiten. Auch das Wiedersehen mit Selma wird einfach schön. Die drei „Teufelinnen“ wiedervereint. Das Seminar selbst wird dann allerdings eher anstrengend als bereichernd. Zwar bin ich dankbar für die Auszeit aus meinem gewohnten Umfeld und die Möglichkeit, meinen Freiwilligendienst in einem „geschützten Raum“ reflektieren zu können. In der großen Gruppe selbst herrscht jedoch eine große Uneinigkeit, und zum Teil wird die Mitarbeit mit den fid-Arbeitsmethoden von einigen Freiwilligen verweigert. Im Plenum fühle ich mich daher nicht wohl und das Seminar schöpft nicht seine volle Wirkungskraft aus.

„Theater der Unterdrückten“ beim Zwischenseminar in Santa Cruz

ZURÜCK in Sucre. Seit kurzem bin ich also wieder zurück in meiner Stadt. Meiner – im Vergleich zu Santa Cruz – beschaulichen und weniger heißen Stadt Sucre. Es ist Sommer, die Luft ist vom vielen Regen klar und frisch, die Sonne scheint und es ist Pfirsichzeit. Bevor Gaby gefahren ist hat sie gesagt: „Ich würde diese Zeit nicht jedes Jahr verpassen wollen“. Da kann ich nur zustimmen.

9. November 2011

Hier ein neuer Bericht (nach zweieinhalb Monaten)

Liebe Freunde und Familie, liebe Bekannte und lieber Spenderkreis,

seit meinem ersten Bericht ist nun schon mehr als ein Monat vergangen und es hat sich in dieser Zeit einiges getan: bei mir und bei meinem Projekt.

Wie bereits im vorigen Bericht angedeutet, haben wir das Museum ziemlich auf den Kopf gestellt und neu sortiert. Der Schwerpunkt bei Besuchen liegt nun vor allem auf der Vermittlung des richtigen Umgangs mit Glas, Plastik und Papier. Wie können wir diese Wertstoffe reduzieren, wiederverwenden oder recyceln? Die Antwort darauf geben wir im Ökomuseum. Nachdem ich anfangs nur die Begrüßung der jeweiligen Gruppe sowie die Vorstellung des Projektes „Ecomuseo“ übernommen hatte, wurde ich bald von José Luis auch für die Übernahme bestimmter Erklärungen während des Besuches eingespannt. Damit fühlte ich mich bei den ersten beiden Malen äußerst unwohl, so ungewohnt war es, in einer fremden Sprache und vor 30 Paar Schüleraugen zu erklären, dass Papier in den blauen Behälter gehört, wie der Prozess des Recycelns funktioniert und welche Kunstwerke man aus recyceltem Papier machen kann. Mittlerweile kommen mir die Worte schon viel leichter über die Lippen und es macht mir sogar Spaß, das zu zeigen, was wir in unserem Museum zu bieten haben.

Ein weiterer wichtiger Teil meiner Arbeit im Projekt besteht in der Mit-Koordination der Freiwilligengruppe des Museums. Jeder der bolivianischen Freiwilligen hat unter der Woche einen Tag, an dem er entweder vormittags oder nachmittags für drei Stunden im Museum präsent ist und José Luis und mich unterstützt – ob nun bei Führungen, beim Anstreichen von Wänden, beim Recyceln von Karton oder beim Verfassen von Texten. Zu tun ist eigentlich immer etwas. Die Arbeit mit den Freiwilligen macht mir besonders viel Spaß, weil es gut tut, Zeit mit Gleichaltrigen zu verbringen und gemeinsam zu lachen und zu arbeiten. Allerdings ist dieser Teil der Arbeit auch oft anstrengend, weil einige der Freiwilligen manchmal einfach nicht kommen oder im letzten Moment bei mir anrufen und absagen. Da ist es schwer, längerfristig und mit Sicherheit Dinge wie zum Beispiel die Probe des Ökotheaters zu planen. Mit allen Freiwilligen habe ich jeden Samstag ein Treffen, bei dem ich zunächst eine Stunde Deutschunterricht an Interessierte erteile und bei dem danach zukünftige Aktivitäten geplant werden und einfach Zeit zusammen verbracht wird.

Weiterhin betreue ich auch ein Projekt, das sich „ECO-Chiquis“ nennt. Dreimal in der Woche bin ich nachmittags für eineinhalb Stunden im staatlichen Kindergarten Saul Mendoza, wo ich jeweils mit einem Kurs „Umwelterziehung“ mache. Teil dieses Programmes ist zunächst ein Besuch der Kinder des Kurses im Ökomuseum und danach z.B. das Recyceln von Karton – ebenfalls im Museum. Letzten Montag habe ich dann mit einem Kurs Karten aus dem recycelten Karton gebastelt. Außerhalb dieser Aktivitäten habe ich versucht, „ökologische Spiele“ mit den Kindern durchzuführen. Das gestaltet sich jedoch schwierig, da hier der Kindergarten ganz anders ist als in Deutschland. Die Kinder hier haben einen Stundenplan und zwei Pausen à 20 Minuten. Während der „Unterrichtsstunden“ machen sie Schreibübungen in ihren Heften oder die Lehrerin erklärt ihnen bestimmte Dinge, wie z.B. welche Verkehrsmittel es gibt. Es ist entsprechend wenig verwunderlich, dass die Kinder es nicht gewohnt sind gemeinschaftlich zu spielen. Mit dieser Form des Kindergartens fiel es mir am Anfang schwer umzugehen oder etwas anzufangen, weil mir die Kinder so gestutzt und eingeschränkt vorkamen. Andererseits ist es wunderbar, Zeit mit den Kindern zu verbringen, die mir mit spontaner Zuneigung und Respekt begegnen, und zu merken, dass ich ihnen etwas beizubringen vermag, und deshalb habe ich auch Freude daran weiterhin zu versuchen, mit den Kindern zu spielen und Geschichten vorzulesen.

Im Rahmen meiner Arbeit hatte ich in letzter Zeit noch zwei weitere wichtige Erlebnisse.

Und zwar wurden wir als Freiwilligengruppe in ein Radio zum Interview eingeladen. Die Freiwilligen haben begeistert zugesagt, nur leider ist am entsprechenden Abend nur eine von ihnen aufgetaucht (meine Mitkoordinatorin der Gruppe). Und so saß ich schließlich mit José Luis und Alejandra alleine im Radiostudio. Ganze zwei Stunden lang wurden wir mit Fragen von dem Moderator durchlöchert, der sich zeitweise mehr für meine Person als für das Projekt interessierte. Ich war nur froh, dass mein Spanisch mich nicht im Stich gelassen hat und ich nach den zwei Stunden wieder frei atmen konnte.

Das zweite Erlebnis war eine Reise mit fünf der Freiwilligen zu einer Art Fortbildung / Konferenz in Cochabamba. Nachdem wir die ganze Nacht im Bus gereist waren, ging es am Ankunftstag gleich mit dem Programm los. Das zweite pluriversale Treffen, veranstaltet von der Stiftung Gemeinschaft und Handeln, stand unter dem Motto „Konkurrieren oder zusammenleben? Für die soziale und ökologische Gerechtigkeit“. Es war sehr anregend und spannend, auf Leute aus ganz Bolivien zu treffen (fast ganz Bolivien: die Delegationen aus Santa Cruz konnten nicht kommen, da die Straße gesperrt war und es Streik gab) und noch dazu verschiedenen Alters. In meiner Arbeitsgruppe z.B. war der Direktor einer Schule in El Alto, Kinder, eine Studentin und noch mehrere Erwachsene. Bei so einer Vermischung war es klar, dass wir für die einzelnen Arbeitsschritte (die Methodik nannte sich Papiercomputer) etwas länger brauchten. Der letzte Abend wurde dann als „Nacht der Talente“ gemeinsam verbracht, bei dem wir unser Schwarzlichttheater aufführten und andere Teilnehmer Tänze ihrer Region, Sketche oder typische Speisen teilten.

Nach Ende dieses spannenden aber auch anstrengenden Seminars blieben wir noch einen Tag länger in Cochabamba, um ein bisschen etwas von der Stadt zu sehen. Cochabamba kam mir wie eine riesige, platte Metropole vor (Sucre ist sehr hügelig). Überall wimmelte es nur so von Geschäften und Essensständen, und ich war geschockt von den Tätowierern, die ihre Arbeit mitten auf der Straße in kleinen Plastikzelten verrichteten.

Die Fahrt zurück von Cochabamba nach Sucre war dann noch mal ein Erlebnis für sich. Wir hatten leider das Pech, ganz hinten im Bus Platz nehmen zu müssen, wo die gesammelten Gerüche des Busses hinziehen und es am heftigsten auf den unbefestigten Straßen ruckelt. Und dann hatte ein Herr bei mir in der Nähe auch noch Knoblauch dabei. Als wir am nächsten Morgen um halb sieben in Sucre am Terminal ankamen und ich mich nachts übergeben hatte, war ich nur heilfroh, diesen Bus verlassen zu können und erst mal richtig zu schlafen.

Sucre an sich, meine Heimatstadt, kam mir mit einmal noch zehnmal so vertraut und liebenswürdig vor, obwohl es regnete und alle Sucrenser sich über dieses schreckliche Wetter beschwerten.

Aber ich freue mich jedes Mal ungemein, wenn es Regen gibt, denn das heißt dass die Wasserversorgung bei uns im Haus sichergestellt ist. Und Wasserknappheit ist wirklich keine lustige Erfahrung – die habe ich einmal gemacht, als ich von unserer Reise zum Salar de Uyuni wieder zurückgekehrt war.

Drei Tage lang waren Selma, Daria und ich unterwegs und haben die Salzwüste Uyuni, die andinen Lagunen, Flamengos, den Àrbol de Piedra, die Dalíwüste, Geysire, Vulkane und viele Kleinigkeiten mehr gesehen. Für mich war es eine beeindruckende Erfahrung, diese wunderschöne, menschenfeindliche Landschaft kennenzulernen und kurzzeitig auch etwas Abstand zum Alltag meines Projektes zu gewinnen und Dinge noch mal mit mehr Ruhe zu überdenken.

Und wenn es nach einer solch aufrüttelnden und spannenden Reise kein Wasser gibt, insbesondere nachdem man in Potosí um zwei Uhr nachts in Eiseskälte eine Stunde lang auf den Anschlussbus nach Sucre warten musste, dann lässt einen auch jetzt noch das Geräusch des Regens, der schwer gegen das Fenster platscht, jubeln.

An dieser Stelle muss ich auch noch mal erwähnen, wie dankbar ich dafür bin eine Gastfamilie zu haben, die mich liebevoll aufgenommen hat. Dank dieser Familie habe ich einen sicheren Rückzugsort, wenn ich mich manchmal überfordert oder hilflos fühle.

Wie ihr aus meinen Erzählungen sicherlich schließen könnt, geht es mir sehr gut, und ihr müsst euch nicht um meine Gesundheit oder mein Wohlbefinden sorgen. Stattdessen möchte ich euch nochmal dafür danken, dass ihr mir dieses Jahr hier in Bolivien auf unterschiedlichste Weise ermöglicht habt, wo ich so viele Erfahrungen und Geschichten sammeln kann und eine Arbeit habe, die mir Spaß macht.

Viele liebe Grüße an euch alle und ich würde mich über Antwortpost sehr freuen!